Auf der Plattform TikTok haben westliche Influencer die Popularität chinesischer Alltagsrituale entdeckt: Sie posten Videos über das Trinken von warmem Wasser, das Tragen von Finken und das Genießen von Reisbrei. Die Führung in Peking begrüßt diese sogenannten Wellness-Botschafter.
Welche Elemente zum Chinesisch-Sein gehören? Tiktoker geben sich da sehr sicher: Hotpot, Dim Sum, die würzige Sichuan-Küche und nicht zu vergessen Biangbiang-Nudeln. Was Biangbiang sind oder wie diese langen Nudeln aus Shaanxi im Zentrum Chinas korrekt ausgesprochen werden, ist vielen unklar. Doch «Mei wenti», so die chinesische Antwort – kein Problem.
Viele Influencer versprechen auf TikTok eine einfache Umwandlung in einen Chinese: Unter dem Hashtag #BecomingChinese teilen sie seit Wochen Alltagsrituale aus China und verbreiten ein positives Bild der Kultur. Die Führung in Peking ist erfreut, da diese Posts keine Kritik am Regime oder Menschenrechtsverletzungen enthalten. Stattdessen wird einfach warmes Wasser getrunken – eine symbolische Umwandlung.
Alles begann mit Sherry Zhu Xirui. Die 23-jährige New Jerseyanerin, deren Eltern aus Zhejiang und Guizhou stammen, sprach als Kind über die Kultur ihrer Eltern nur ungern. Sie wollte sich in der Welt ihrer amerikanischen Freundinnen einfügen. Doch mit einem Mathematikabschluss im Gepäck erkennt sie eines Tages, dass ihre Freunde nun Dinge tun, die sie aus ihrer eigenen Kindheit kennt: Finken tragen und warmes Wasser trinken. Mit einem Augenzwinkern sagt sie zu ihren Freunden: «Ihr seid Chinesen geworden». Diese Aussage findet später auch auf TikTok Anklang. Ihre Videos über Hotpot, Dim Sum und Biangbiang-Nudeln werden viral.
Andere Influencer tragen Ingwer vor der Kamera ab, werfen Goji-Beeren in einen Topf oder essen Reisbrei – sie folgen dem Trend, chinesisch zu werden. Diese Clips sammeln schnell Millionen an Views und zeigen einfache Praktiken wie das Abkochen von Apfelscheiben.
Sherry Zhu Xirui verkündet mit einem Zeigefinger in die Kamera: «Selbst wenn du Hispanic bist, kannst du chinesisch werden». Einige Tiktoker nehmen dies ironisch wahr, während andere stolz auf das neue Image ihrer einst als exotisch wahrgenommenen Kultur sind.
Akademiker untersuchen nun chinesische Plattformen und Produkte. Yuan Shaoyu von der New Yorker Universität beschreibt die Entwicklung als «neue Vertrautheit mit China», die mehr Lifestyle als geopolitische Rivalität betont.
Sherry Zhu Xirui präsentiert das Alltägliche in ihren Videos und wirkt dabei wie eine charmante Wellness-Beraterin. Diese Soft Power hat Wirkung gezeigt: Eine Umfrage des Chicago Council on Global Affairs zeigt, dass 53 Prozent der Amerikaner heute enge Kooperationen mit China befürworten – ein Anstieg von zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Pekings Offizielle sind erfreut. Aussenamtssprecher Lin Jian lobte das Interesse am chinesischen Lebensgefühl, das sich nun als «einzigartiges und neues Erlebnis» etabliert habe. Zhu und ihre Follower würden wohl zustimmend nicken und einen Schluck warmen Wassers trinken – unabhängig von der tiefgründigen Bedeutung des Chinesisch-Seins.