78 Jahre nach seiner Gründung begeht der jüdische Staat den Jom Haatzmau, den Unabhängigkeitstag. Traditionell verbinden sich Politik, Popkultur und Pathos zu einem bunten Programm: Vorabends redet Knesset-Präsident Amir Ohana auf dem Herzlberg in Jerusalem, umringt von Artisten, Veteranen und Musikern. Tags darauf grillieren die Menschen oft mit Familie und Freunden – eine bewährte Tradition.
Dieses Jahr fällt der Luftwaffenüberflug über Israels größere Städte zum dritten Mal nacheinander aus; die Jets sind an anderen Fronten im Einsatz, gegen Iran, in Libanon und Gaza. Diese Abweichung von der Routine mag wie eine Randnotiz erscheinen, deutet jedoch auf tiefgreifende Schwierigkeiten hin: Israel ist zerrissen und gezeichnet von einer tiefen existenziellen Erschöpfung, die im Hebräischen als “le’ut” bezeichnet wird.
Kriege, Angriffe und Terrorwellen sind in Israels Geschichte keine Neuheit. Doch diesmal ist alles anders: Israel kämpft zum ersten Mal nicht allein, sondern im Bündnis mit den Vereinigten Staaten. Ministerpräsident Benjamin Netanyahu betont die historische Bedeutung dieser Allianz – doch nach sechs Wochen Krieg und zwei Wochen Waffenstillstand glaubt kaum jemand daran, dass diese Kooperation zu Siegen führt.
Das iranische Regime ist zwar geschwächt, feuerte jedoch bis zuletzt Raketen auf israelisches Gebiet. Zudem besitzt es weiterhin große Mengen hochangereichertes Uran. Auch der Hizbullah in Libanon hat die Angriffe nicht eingestellt. Netanyahu hatte Hoffnungen geweckt und enttäuscht, Israel scheint in einer Endlosschleife aus Krieg und Waffenruhe gefangen.
Das Bündnis mit den USA hat zudem Israels Entscheidungsfreiheit in sicherheitspolitischen Fragen eingeschränkt. Netanyahu wurde von Trump bei Verhandlungen über einen Waffenstillstand mit Iran zum Randfiguren degradiert und auch ohne amerikanische Unterstützung im Kampf gegen Hizbullah zur Feuerpause gezwungen.
Diese Fremdbestimmung zeigt sich auch in Gaza, wo Washington nun entscheidet, wann Israel zu den Waffen greift. Es wird sogar über einen dauerhaften US-Militärstützpunkt auf israelischem Boden nachgedacht – ein bisher unbekanntes Szenario.
Während Israel seine Unabhängigkeit feiert, hat es in entscheidenden Fragen die Kontrolle verloren. Dies spiegelt sich auch im innerpolitischen Raum wider, geprägt von Konflikten und einem Gefühl der Ohnmacht.
Ein bedeutender demografischer Konflikt entsteht durch den Anstieg der ultraorthodoxen Bevölkerung; sie leben oft abgeschottet und folgen eigenen Regeln. Die Regierung hat diese Entwicklung nicht nur geduldet, sondern aktiv gefördert, indem Gesetze zum Vorteil der Ultraorthodoxen erlassen wurden.
Die Hoffnung auf Veränderung schwindet, da die Politik die Stimmen dieser Wählergruppe fürchtet. Dies führt zu Resignation und Überlegungen über ein Leben anderswo. Dennoch ist Israel weiterhin ein bedeutender Technologiestandort und eine Zuflucht für Juden weltweit. Auch geopolitisch gibt es neue Möglichkeiten: Die arabischen Nachbarn haben sich mit dem Staat arrangiert, und Annäherungen könnten möglich sein.
Die Zukunft Israels hängt von Mut und vielleicht neuem politischen Personal ab. Bei den nächsten Wahlen könnte sich die Gelegenheit für einen Neuanfang bieten. Vielleicht wird dann am nächsten Unabhängigkeitstag ohne Fragezeichen gefeiert.