Eine Woche nach Ausbruch des Konflikts im Iran trifft es die Golfstaaten mit gezielten Vergeltungsaktionen Teherans: Erdölinfrastruktur und wichtige Häfen sind betroffen, was sich negativ auf die regionale Wirtschaft auswirkt. Für Saudi-Arabien, der wirtschaftlichen Schwergewicht am Golf, ist das ein schwerer Schlag.
Kronprinz Mohammed bin Salman hatte vor neun Jahren seine „Vision 2030“ vorgestellt mit dem Ziel, Saudi-Arabien in einen globalen Knotenpunkt zu verwandeln, die Gesellschaft zu modernisieren, die Wirtschaft zu diversifizieren und paradoxerweise für das Erdölland – die Abhängigkeit vom Öl zu reduzieren.
Im Rahmen dieses Projekts sollte NEOM entstehen, eine Ansammlung futuristischer Großprojekte über 175 Kilometer zwischen Gebirgskette und Rotem Meer. Dazu gehören The Line, eine autofreie Stadt ohne CO₂-Emissionen, sowie Trojena, ein geplantes Skigebiet, das 2029 die asiatischen Winterspiele ausrichten soll.
Bin Salman wollte sein Königreich zum führenden Touristenziel der Region machen und jährlich 150 Millionen Besucher anziehen. Doch bereits vor dem Konflikt gab es Warnsignale: Im Januar wurde bekannt, dass die asiatischen Winterspiele verschoben werden – offiziell wegen Bauverzögerungen. Das gesamte NEOM-Projekt litt unter fehlendem ausländischen Kapital und sinkenden Erdöleinnahmen. Bei 70 Dollar pro Barrel reichte der Ölpreis nicht, um die Pläne des Kronprinzen zu finanzieren.
„Das größte Ärgernis für bin Salman ist das aktuelle Chaos in der Region“, erklärt Karim Sader, Politikwissenschaftler und Experte für Golfstaaten gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS). Der saudische Kronprinz näherte sich sogar vor zwei Jahren China an, um die Stabilität zu fördern und so „Vision 2030“ zu erreichen.
Jetzt liegt der Barrelpreis über 100 Dollar. Ein Gewinn für den Kronprinzen? Nicht unbedingt, da Saudi-Arabien das Öl exportieren muss, während Raffinerien, Tanker und Häfen vom Iran bedroht werden. Goldman Sachs prognostiziert durch die Blockade der Straße von Hormus einen Rückgang der saudischen Ölförderung um 12 Prozent bis Ende April – was einem BIP-Rückgang von 3 Prozent entspricht.
Laut Sader könnte auch ein Anstieg der Erdölpreise nicht förderlich für bin Salman sein, da dies den Wandel und die Unabhängigkeit vom Öl untergraben würde.
Alexandre Kazerouni, Dozent an der Pariser École Normale Supérieure, meint, dass Saudi-Arabien gestärkt aus dem Konflikt hervorgehen könnte: „Ein Teil der saudischen Politik zielt darauf ab, große multinationale Unternehmen von Dubai und den Vereinigten Arabischen Emiraten nach Saudi-Arabien zu ziehen, um Arbeitsplätze zu schaffen.”
Bedeutet dies das Ende für NEOM? Nicht zwingend, aber Prioritäten müssen neu gesetzt werden. Ohne westlichen Tourismus bleibt noch die Option der religiösen Besucher in Mekka und Medina. Erneuerbare Energien, künstliche Intelligenz, Expo 2030 und die Fußball-WM 2034 bleiben im Plan.
Bis Januar hatte der Kronprinz US-Präsident Trump aufgefordert, den Angriff auf den Iran zu verhindern. Nun ruft er zu einem schnellen Waffenstillstand auf.
RTS Tout un monde, 26.03.2026, 08:13 Uhr; noes