Ein gestrandeter toter Wal verwandelt sich auf dem Meeresboden in die Grundlage eines komplexen Ökosystems, das ökologisch enorm wertvoll ist. Die öffentliche Aufmerksamkeit gilt derzeit einem Buckelwal in der Wismarer Bucht. Sein Tod bringt kaum Hoffnung auf Rettung.
Im Gegensatz dazu zieht ein Walkadaver, der den Meeresboden erreicht, eine Vielfalt von Aasfressern an – eine Nachricht, die sich schnell unter den Bewohnern des lebensarmen Ökosystems verbreitet. Im oberflächennahen Ozean ist das Leben aufgrund von Plankton reichhaltig. Doch in der Tiefsee erreicht meist nur wenig davon als “Meeresschnee” die Meeresbodenbewohner.
Der Niedergang eines Wals, oder “Walsturz”, wie Biologen es nennen, ist für diese Gemeinschaft ein Glücksfall. Julian Stauffer vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung berichtet: “Bei einer Expedition vor Madeira sahen wir aasfressende Aale binnen Minuten auf Fischköder anspringen.”
Forscher vermuten, dass die Schallwellen eines Walsturzes Tiefseebewohner wie ein Aufruf zum Festmahl anlocken. Der ausgeprägte Geruchssinn der Aasfresser erlaubt es ihnen, Aromastoffe aus Verwesung in hoher Verdünnung zu erkennen.
Stauffer betont, dass eine gute Nase in der Tiefsee lebensnotwendig ist. Bei kleineren Beutequellen müssen Tiere schnell sein; bei einem Walkadaver kann es Jahre dauern, bis alle Kalorien aufgebraucht sind.
Craig R. Smith von der University of Hawaii dokumentierte 1989 als Erster die neu entstehenden Lebensgemeinschaften um einen Walkadaver in “Nature”. Seitdem untersuchte sein Team gezielt gestrandete Wale, um deren Verwertung zu studieren. Sie schätzen die Zahl neuer Walstürze weltweit auf jährlich etwa 60.000.
Über Jahre hinweg entwickeln sich aus einem Walkadaver komplexe Lebensgemeinschaften. Zu Beginn versammelt sich eine Vielzahl von Aasfressern – darunter Oktopoden, Tiefseehaie und Schleimaale. Letztere nutzen ihre wurmartige Beschaffenheit zum Abreißen von Kadavern.
“Sloppy feeders” verteilen Gewebe in der Umgebung des Kadavers, was kleinere Arten wie Krebstiere dazu veranlasst, sich darum zu kümmern und organische Rückstände zu verwerten. 2002 entdeckte man Osedax-Würmer, die mit symbiotischen Bakterien Knochen zersetzen.
Schwefelbakterien bilden am Ende der Verwertungskette eine eigene Lebensgemeinschaft um den Kadaver herum, ähnlich wie bei Schwarzen Rauchern in der Tiefsee. Sie benötigen keine Lichtenergie und nutzen anorganische Schwefelverbindungen.
Ist die letzte Kalorie aufgebraucht, dienen Walskelette weiterhin als Unterlage für zahlreiche marine Organismen, was in den sedimentbedeckten Ebenen der Tiefsee selten ist. Der Buckelwal in der Ostsee könnte dieses Schicksal vermeiden, sollte er im Atlantik sterben. Ansonsten wird sein Fett zur Biodieselproduktion genutzt.