«Schafe und Menschen kommunizieren vollkommen unterschiedlich. Daher kommt wohl das Vorurteil, dass Schafe dumm sind.» So beschreibt Anne Krüger Degener ihre Beobachtungen über die Schafe. Die Schäferin und Kommunikationstrainerin demonstriert seit Jahrzehnten, dass Schafe hochsozial, aufmerksam und sensibel reagieren. Sie kommuniziert mittels ihrer Border Collies mit ihren Schafen und zeigt auf, wie unterschiedliche Tierarten durch geometrische Regeln harmonisch interagieren können.
In der Herde halten die Tiere immer dieselbe Distanz zueinander, um Zusammenstöße zu vermeiden. Auch dem Hund begegnen sie mit einem konstanten Abstand, der jedoch größer ist. Anne Krüger nutzt ihre Hunde als «Dolmetscher» zwischen Menschen und Schafen: Ein Pfiff genügt, damit der Hund ihre Absicht in Bewegung und Distanz übersetzt – ein Signal, das die Herde sofort versteht. Verändert der Hund seine Richtung oder nähert er sich den Schafen, passen diese entsprechend an.
«Das hier ist keine Romantik. Es ist reine Geometrie», erklärt Degener. Für sie kommunizieren Schafe hauptsächlich über Räume und Gesten, während Lautsignale eine untergeordnete Rolle spielen. Dies verdeutlicht, dass das oft als Dummheit abgestempelte Verhalten tatsächlich eine andere Form von Kommunikation und Intelligenz darstellt.
Auf der Weide zeigt sich die Funktionsweise dieser stillen Sprache: In großen Herden agieren Schafe ähnlich einem Schwarm, indem sie Abstände einhalten, auf ihre Nachbarn reagieren und als Gruppe Richtung sowie Tempo wechseln. «Diese Form der Schwarmintelligenz ist nicht trainiert, sondern tief in ihrem evolutionären Verhalten verankert», betont die Expertin.
Ein vermeintlicher Störenfried genügt – die Herde reagiert einheitlich, um sich auszuweichen und Jungtiere zu schützen. Schafe erkennen bis zu 50 Artgenossen, können Familienmitglieder von Fremden unterscheiden und unterhalten stabile soziale Beziehungen. Lämmer lernen typisches Herdengruppenverhalten durch Muttertieren und stärken ihre Bindung über Duft und Berührung – ein prägendes Ritual für die soziale Orientierung.
Schafe kommunizieren über Räume, Bewegungsanweisungen und minimale Signale – eine Sprache, die Menschen häufig missverstehen, da sie nicht auf Worten basiert. Für Anne Krüger ist klar: Schafe starren nicht aus Dummheit, sondern weil sie hochkonzentriert beobachten. Als Fluchttiere beachten sie jeden Winkel, jede Verschiebung im Raum und jegliche Irritation in der Herde – eine Sensibilität, die sie zu beeindruckenden Meisterinnen der Schwarmkommunikation macht.