Schnell alles erledigen, bringt nicht zwangsläufig Erfolg und kann belastend sein. Oft sind es psychologische Mechanismen, die zu übertriebenem Aktionismus verleiten. Doch Widerstand ist möglich.
Florentina hat das Gefühl, sofort mit der Arbeit beginnen zu müssen, obwohl die Deadline ihres neuen Projekts noch weit entfernt ist. Sie vernachlässigt alles andere auf ihrer langen To-do-Liste und greift zur Aufgabe, die eigentlich später ansteht. Ihr Handeln wird nicht von Fleiß oder Disziplin getrieben, sondern von einem Drang, sofort anzufangen und das Wichtigste rasch abzuhaken.
Für Prokrastination-Gegner mag dies wünschenswert erscheinen, doch die Produktivität ist trügerisch. Wer alles sofort erledigt, handelt oft nicht effizient: Entscheidende Informationen fehlen möglicherweise, die Qualität leidet und andere Aufgaben bleiben liegen.
Präkrastination bezeichnet das Verhalten, Aufgaben vorschnell zu beginnen oder abzuschließen, obwohl es rational sinnvoller wäre, noch zu warten. In Anlehnung an die Prokrastination, jedoch mit dem Präfix “prae” für Vorwegnahme.
Warum lehnen wir uns gegen unsere eigenen Interessen auf, nur um Dinge früher erledigt zu haben? Wo ist die Grenze zwischen gesundem Arbeitseifer und kontraproduktivem Aktionismus?
Psychologen nahmen lange an, Präkrastination sei das Gegenstück zur Prokrastination und somit grundsätzlich positiv. Doch Studien zeigen nun: Zu schnell zu handeln kann genauso problematisch sein.
In einem Experiment der Pennsylvania State University wählten zwei Drittel der Teilnehmer den ersten, näher gelegenen Eimer voller Münzen auf ihrer Wegstrecke aus, obwohl das eine längere Strecke mit Last bedeutete. Sie wollten die Aufgabe schnell erledigen, selbst wenn es mehr Anstrengung kostete.
Eine weitere Studie an der Washington State University bestätigte dies: Unter kognitiver Belastung neigten Teilnehmer noch stärker dazu, den ersten Eimer zu wählen. Bei Wasserbechern war das Verhalten weniger ausgeprägt; die anspruchsvollere Aufgabe ließ das Bedürfnis zu präkrastinieren nachlassen.
Ein weiterer Faktor ist eine überfüllte To-do-Liste, die den Wunsch erhöht, schnell abzuhaken. Etwa 22 Prozent der Studierenden reichen ihre Hausaufgaben in letzter Minute ein (Prokrastination), während andere sie sofort abgeben (Präkrastination).
Psychologen Christopher Gehrig unterscheidet verschiedene Formen der Präkrastination: Die funktionale, welche kognitive Ressourcen entlastet; die angstbasierte, oft mit Stress und Vermeidung verbunden; sowie die zwanghafte, charakterisiert durch rigide Handlungen.
Langfristig kann solches Verhalten gesundheitsschädlich sein, da es zu Stress und Burnout führen kann. Fachleute raten dazu, bewusst Prioritäten zu setzen, statt reflexhaft Aufgaben zu erledigen. Negative Folgen des Übereifers betreffen oft auch andere: Eine emotionale Reaktion auf E-Mails könnte beeinträchtigt sein.
Rosenbaum empfiehlt, kognitive Entlastung durch Methoden wie das Notieren von To-dos zu erreichen und auf unüberlegte schnelle Reaktionen zu verzichten. Florian Becker sieht Präkrastination als eine “perfide Art der Prokrastination”, bei der man sein Leben hintanstellt.
Präkrastinierer sind oft Multitasker, was die psychische Belastung erhöht. Der Mittelweg ist das Ziel: sich um wichtige Aufgaben kümmern ohne überstürzt zu handeln.