Audrey Tang, Taiwan’s Cyber-Sonderbotschafterin und frühere Digitalministerin, betont die Notwendigkeit, Energie aus gesellschaftlicher Polarisierung zu schöpfen, ohne sie in Extreme abgleiten zu lassen. Mit Hilfe von KI-Systemen will Tang die Demokratie modernisieren und das Schweizer System inspirieren. Tangs politische Laufbahn begann mit ihrer Rolle im Sunflower Movement 2014, als sie eine digitale Plattform zur Befragung der taiwanesischen Bevölkerung über ein umstrittenes Handelsabkommen mit China entwickelte. Dies führte zu Tangs Ernennung zur Digitalministerin. Heute konzentriert sich ihre Arbeit darauf, KI für das Gemeinwohl einzusetzen und Bildungspläne zum verantwortungsvollen Medienkonsum zu schaffen. Bei der Digital-Life-Design-Konferenz in München erklärte Tang ihr Konzept des ‘broad listening’, um den Beschwerden der Bürger aktiv zuzuhören. Die Etablierung von offenen Spiegelversionen staatlicher Websites durch die G0v-Bewegung ermöglichte eine partizipative Kritik an Regierungsentscheidungen. Im Sunflower Movement sammelte Tang Meinungen der Bevölkerung, was zeigte, dass digitale Plattformen Engagement fördern. Taiwans Bürger nutzen vermehrt das Fediverse, ein Netzwerk ohne Bindung an einzelne Anbieter, im Gegensatz zu Tiktok. Dies fördert nach Tang eine dynamischere und verbindendere Nutzung digitaler Ressourcen. Tang warnt vor der synthetischen Intimität von KI-Modellen wie Chatbots, die Menschen voneinander entfremden können. Stattdessen sollten diese im Loop der menschlichen Interaktion stehen und Konflikte innerhalb von Gemeinschaften lösen helfen, wie bei der Regulierung neuer Taxi-Kategorien in Taiwan. Medienbildung sollte sich laut Tang darauf konzentrieren, Medien selbst zu produzieren, um Abhängigkeit von Gatekeepern zu überwinden. Junge Menschen können durch das gemeinsame Überprüfen von Fakten und die Messung der Umweltqualität Desinformation widerstehen. Für die Schweiz empfiehlt Tang ein dezentrales Wallet-System mit partieller Anonymität, um digitale Identitäten sicher zu verwalten. Partizipative Lösungen könnten durch offene Fragen in Umfragen gefördert werden, die generativer KI ermöglicht. Tang sieht Polarisierung als eine Illusion an, da sie oft über die stärksten Streitpunkte statt über gemeinsame Interessen diskutiert wird. Ihre Arbeit zielt darauf ab, durch digitale Plattformen überraschende Gemeinsamkeiten zwischen unterschiedlichen Gruppen zu entdecken.