Boxgrößen treiben die prestigeträchtigen Duelle voran, die sie lange vermieden haben. Kaum hatte Tyson Fury seinen deutlichen Punktsieg in seinem 38. Profikampf verbucht, wandte er sich vom Ring ab und suchte den Blickkontakt mit seinem langjährigen Kontrahenten Anthony Joshua im Tottenham Hotspur Stadium. Nachdem er diesen erblickt hatte, versprach der 37-jährige Exzentriker aus Manchester lautstark: «Ich will euch den Kampf geben, auf den ihr alle wartet.» Vor einer Kulisse von 64.500 Zuschauern forderte der 2,06 Meter große Fury seinen Landsmann offiziell heraus.
Joshua hat sich noch nicht eindeutig dazu geäußert. Er wolle nicht «in den Ring steigen und jemandem ins Gesicht schreien», wie er sagte, und den richtigen Moment für das Match bestimmen. Es ist jedoch unverkennbar, dass die beiden unterschiedlichen Schwergewichts-Routiniers einander brauchen, um letzte Ziele zu erreichen.
Beide streben einen glorreichen Abschied vom Ring an, der maximale Aufmerksamkeit und finanziellen Gewinn bringt. Für den Weltmeistertitel stehen sie bereit, doch was zählt mehr als der Status des besten Boxers des Jahrtausends im britischen Königreich?
Im Jahr 2026 könnte eine Ära in der «Klasse aller Klassen» enden. Diese begann Mitte der letzten Dekade mit dem Aufstieg eines schlagkräftigen Trios auf beiden Seiten des Atlantiks: Fury und Joshua, die beide Wladimir Klitschko besiegten; Deontay Wilder aus den USA, bekannt als «The Bronze Bomber», mit seinem gewaltigen Punch. Jeder von ihnen beanspruchte für sich den Nimbus eines unumstrittenen Champions, obwohl keiner alle vier relevanten Gürtel hielt.
Nach insgesamt 121 Kämpfen und 109 Siegen haben sie ein Vermögen angehäuft, das Muhammad Ali und Joe Frazier wohl neidisch gemacht hätte. Doch nur Fury und Wilder führten bis 2023 drei direkte WM-Duelle durch, von denen zwei Siege für Fury entschieden wurden. Mehr wird auf höchstem Niveau kaum mehr möglich sein, da alle drei Boxer ihre Titel verloren haben – entweder wegen Verschleiß, wie beim 40-jährigen Wilder, oder nach Niederlagen gegen den derzeitige Triple-Champion Oleksandr Usyk.
Trotz ihres Alters treiben die erfahrenen Kämpfer nun die Duelle voran, auch wenn es nur noch um Prestige geht. So sicherte sich Wilder Anfang Monat durch einen Punktsieg über Derek Chisora in Greenwich eine Bühne für mögliche zukünftige Auftritte gegen Joshua. Fury demonstrierte mit seinem Sieg gegen Arslanbek Makhmudov, dass er für zwölf Runden fit ist.
Joshua äußerte sich skeptisch über die Notwendigkeit eines Vorbereitungskampfes vor einem Gipfeltreffen mit Fury. Nachdem er eine schnelle K.-o.-Niederlage gegen Daniel Dubois erlitten hatte, zeigte sein Sieg über den Youtuber Jake Paul Anzeichen einer Formkrise.
Sind die Vergleiche zwischen diesen Boxern noch notwendig oder nur wegen ihrer globalen Marktzugkraft? Der Generationswechsel im Schwergewicht scheint unaufhaltsam. Usyk kündigte seinen Rücktritt an und plant einen Kampf gegen den Kickboxer Rico Verhoeven in Ägypten. In der Zwischenzeit wird in Manchester über die WBO-Weltmeisterschaft zwischen Daniel Dubois und Fabio Wardley entschieden.
Langfristig ist jedoch Moses Itauma, ein 21-jähriger Boxer aus Südengland mit nigerianischer und slowakischer Abstammung, zu erwarten. Er erinnert an den jungen Mike Tyson in seiner dominierenden Art – verspricht aber, seine Aggressivität im Ring einzudämmen.