In Brasilien bietet das Programm „Erlösung durch Lesen“ Häftlingen die Möglichkeit, ihre Haftzeit zu verkürzen. Seit 2021 können sie mit zwölf Büchern pro Jahr bis zu 48 Tage weniger inhaftiert bleiben. Ein bemerkenswerter Teilnehmer des Programms ist der ehemalige Präsident Jair Bolsonaro, der wegen Putschversuchs verurteilt wurde. Das Programm umfasst Klassiker wie Orwells „1984“, Martin Luther Kings Autobiografie und das Kinderbuch „Democracy!“ von Philip Bunting.
Häftlinge wählen monatlich ein Buch aus und haben bis zu drei Wochen Zeit zum Lesen. Sie müssen danach einen Essay schreiben, um die Lektüre nachzuweisen. Dieses Programm soll die Häftlinge resozialisieren und die überfüllten Gefängnisse entlasten. Das Projekt startete 2009 in Catanduvas mit Dostojewskis „Schuld und Sühne“ und wurde 2021 auf alle mehr als 1500 Haftanstalten ausgeweitet.
Trotz dieser Initiativen berichtet Human Rights Watch von anhaltender Folter, Misshandlung und schlechten Lebensbedingungen in brasilianischen Gefängnissen. Die Bücher werden gespendet und vom Nationalen Justizrat genehmigt, ohne dass Kriterien öffentlich gemacht werden. Viele Gefängnisse haben überhaupt keine Bibliotheken.
Emily de Souza, eine Häftlinge im Frauengefängnis Djanira Dolores de Oliveira in Rio de Janeiro, nutzt das Programm als Motivation, um schneller die Haft zu beenden und wieder mit ihrem Sohn zusammenzuleben. Kritiker jedoch sehen darin nur einen PR-Erfolg ohne echte Bildungsförderung.
Etwa 50 Prozent der Gefangenen haben keine Primarschulausbildung abgeschlossen, und 2 Prozent sind Analphabeten – eine Zahl, die sich seit zehn Jahren halbiert hat. Rodrigo Dias von Brasiliens Strafpolitik-Behörde sieht in Büchern einen Anstoß zur Selbsterkundung der Häftlinge.
Das Programm findet internationale Nachahmer: In Usbekistan können Gefangene seit 2025 ihre Haft um bis zu 30 Tage reduzieren, und in Italien gibt es ähnliche Initiativen. Auch die USA bieten Strafminderungen für Leseratten an. Kasachstan versucht mit „Lesen ohne Grenzen“ das Konzept auf den Ausbau von Gefängnisbibliotheken zu übertragen.
Das Ziel dieser Programme ist, dass Bücher zur moralischen Verbesserung der Häftlinge beitragen.