Jana Hensels Buch «Es war einmal ein Land» thematisiert die brüchigen Versprechen Westdeutschlands, die laut ihr zu einer Abwendung der Ostdeutschen von der Demokratie führen. Sie bietet jedoch eher eine Klage als eine tiefergehende Analyse an.
Bücher über die DDR aus der Feder ehemaliger Bürger neigen oft dazu, Resentiments widerzuspiegeln und scheinen ein unverändertes «DDR-Gefühl» zu bewahren. Dies gilt auch für Hensels Werk, in dem historische Fakten verfälscht und Schuld großzügig an den Kalten Krieg oder die Flüchtlingskrise 2015 gegeben wird.
Als Demokratin möchte Hensel die AfD verbieten, doch sie erklärt nicht, warum eine solche Maßnahme verfassungsmäßig schwierig ist. Trotz der Herabstufung ihrer Verfassungsfeindlichkeit durch ein Gericht gewinnt die Partei weiterhin an Popularität im Osten.
Hensel erkundete ihre alte Heimat und sprach mit ehemaligen Freunden sowie Politikern wie Tino Chrupalla. Sie konnte jedoch keinen westdeutschen Politiker benennen, der den Osten verstehe, obwohl Bodo Ramelow als Beispiel dienen könnte.
Sie argumentiert, dass internationale Krisen die Sorgen des Ostens überdecken, doch historische Enttäuschungen und Brüche werden hauptsächlich auf die Zeit zwischen 1990 und 2015 bezogen. Die Vielfalt der ostdeutschen Bevölkerung wird vernachlässigt; so unterscheiden sich Mecklenburger von Sachsen oder Brandenburger von Thüringern, ähnlich wie Hamburger von Bayern.
Hensel sieht Ostdeutsche als zurückgesetzt und ungehört. Sie stellt jedoch nicht den Vergleich zu ähnlichen Enttäuschungen im Westen an, wo ebenfalls viele Träume unerfüllt blieben. Radikalisierung wird bei Betriebspleiten verklärt.
Die Flüchtlingskrise markiert für Hensel einen Wendepunkt, der den Abstand zwischen Ost und West verstärkt hat. Sie verpasst jedoch die Erforschung von Fremdenfeindlichkeit und ignoriert historische Parallelen im Westen.
Ungleichheit gab es sowohl in der DDR als auch im heutigen Westdeutschland, was Hensel auslässt. Die Probleme mit Flüchtlingen betreffen beide Teile Deutschlands gleichermaßen.
Die Frage bleibt, ob viele Ostdeutsche nie vollständig zur Demokratie fanden und das Versagen des Westens in der politischen Bildung liegt. Die DDR-Diktatur prägte viele, doch Hensel sieht alle Probleme als Folge der Wende an und spricht von einem Recht auf «eigene historische Wahrheiten».
Ihre Sicht auf die Emanzipation in der DDR ist problematisch; hohe Scheidungs- und Abtreibungszahlen werden fälschlicherweise als Fortschritt gesehen. Die politische Macht blieb dennoch männlich dominiert.
Die Anziehungskraft rechtsextremer Parteien im Osten lässt sich nicht allein durch Gefühle wie Enttäuschung erklären. Hensel betont den Wunsch nach Gleichberechtigung und Teilhabe, doch Antidemokraten werden die Ostdeutschen von ihren Minderwertigkeitskomplexen nicht befreien.
Jana Hensel: Es war einmal ein Land. Warum sich der Osten von der Demokratie verabschiedet. Aufbau-Verlag, Berlin 2026. 263 S., Fr. 34.90.