Rudolf Nurejew, einst vom sowjetischen KGB gejagt, lebte nach seiner spektakulären Flucht 1961 seine Homosexualität offen aus. Heute wird in Putins Russland sein Lebenswerk unter Tabu gestellt – eine Ballettvorstellung über ihn wurde verboten und findet nun erstmalig im Westen statt.
In Berlin verkörpert David Soares den legendären Tänzer, der durch seine Flucht am Pariser Flughafen Le Bourget weltberühmt wurde. Regisseur Kirill Serebrennikow, einst unter Hausarrest in Russland leidend, inszenierte mit Juri Possochow und Ilja Demutsky 2017 das Ballett über Nurejews Leben am Moskauer Bolschoi-Theater. Das Stück wurde wegen der Darstellung seiner Homosexualität verboten und wird nun erstmals außerhalb Russlands im Berliner Staatsballett gezeigt.
Das Werk beginnt nach Nurejews Tod 1993, als seine Kunstsammlung in Auktionen in New York und Paris verkauft wurde. Über 140 Mitwirkende bringen das Ballett zu Leben – ein Gesamtkunstwerk aus Tanz, Oper und Schauspiel unter der Leitung von Christian Spuck.
Nurejew, geboren 1938 als Sohn muslimischer Tataren in der Transsibirischen Eisenbahn, fiel im Leningrader Kirow-Ballett durch Talent auf. Sein Widerstand gegen sowjetische Normen führte zu Anklagen, da seine sexuelle Orientierung nicht ins Bild eines sozialistischen Helden passte. Bei einer Europatournee 1961 in Paris setzte er alles auf eine Karte und entkam dem Geheimdienst mit einem legendären «Sprung in die Freiheit».
Seine Flucht war ein Rückschlag für den Kreml, gerade nach der Raumfahrtmission von Juri Gagarin. Nurejew genoss seine neue Freiheit und debütierte an renommierten Bühnen weltweit. Er brach als Choreograf traditionelle Rollenklischees auf und arbeitete mit Größen wie Martha Graham zusammen.
Seine Beziehung zu Margot Fonteyn, getanzt von Iana Salenko in Berlin, machte ihn zum berühmtesten Tanzpaar seiner Zeit. Die Liebe seines Lebens war Erik Bruhn; Richard Avedon porträtierte ihn als Star der High Society. Trotz Ruhms erlebte er Geltungssucht und Narzissmus.
In Serebrennikows Inszenierung wird Nurejew auch als einsamer Künstler dargestellt, der an Aids erkrankt zurückzieht. Der Regisseur sieht in ihm eine Symbolfigur für den Widerstand gegen staatliche Repression. Nachdem sein Ballett «Nurejew» in Russland unter Druck gesetzt wurde und abgesetzt werden musste, bleibt das Stück nun ein Vermächtnis von Freiheit und Kreativität.
Die Berliner Premiere erhielt Standing Ovations – auch russische Zuschauer waren angereist. Die bewegende Schlussszene zeigt Nurejew im Orchestergraben, der den «Schattenakt» aus «La Bayadère» dirigiert und weitermacht, während die Musik verhallt. Aufführungen sind bis Ende April 2026 geplant.