Nach achtjährigen Verhandlungen hat die EU ein bedeutendes Freihandelsabkommen mit Australien abgeschlossen, das Märkte öffnet und gegen Protektionismus Stellung bezieht. Die Unterzeichnung des Vertrags durch Ursula von der Leyen und Anthony Albanese markiert den Abschluss eines langwierigen Prozesses, geprägt von gescheiterten Runden, einer Pandemie und einem Wandel im globalen Handel.
Ursula von der Leyen hob in ihrer Rede vor dem australischen Parlament die Bedeutung des Abkommens hervor: „Heute erzählen wir einer sich verändernden Welt eine wichtige Geschichte.“ In Zeiten, in denen Großmächte Zölle als Druckmittel nutzen und Lieferketten strategisch planen, wird Vertrauen über reine Transaktionen gestellt. Dieses Signal richtet sich an Washington und andere Zweifler am regelbasierten Handel.
Das Abkommen bedeutet für die EU den Zugang zu einem Markt von rund 28 Millionen Konsumentinnen und Konsumenten mit hohem Einkommen, auf dem europäische Güter wie Maschinen, Chemikalien, Textilien und Pharmaprodukte zollfrei verkauft werden können. Europäische Automobilhersteller profitieren vom Wegfall eines 5-prozentigen Importzolls in Australien, während der Luxusauto-Zoll für Elektrofahrzeuge ab einem Preis von rund 72.000 Euro reformiert wird. Andererseits entfallen auf australische Autoteile-Exporte bis zu 4,5 Prozent Zölle bei Inkrafttreten des Vertrags.
Australien ist bereits der viertgrößte Absatzmarkt für EU-Dienstleistungen. Der Marktzugang wird erleichtert und regulatorische Hürden verringert. Zugleich öffnet sich der Zugang zu Energie- und Rohstoffprojekten, da Australien ein bedeutender Produzent kritischer Minerale ist – entscheidend für die Energiewende in Europa.
Marko Walde von der Deutsch-Australischen Industrie- und Handelskammer sieht das Abkommen als strategischen Meilenstein: Europa benötige Rohstoffe, während Australien durch Wertschöpfung wachsen müsse. Die Harmonisierung industrieller Standards vereinfacht zudem die Geschäftsabläufe.
Premierminister Albanese beschrieb den Deal als „Win-win für beide Seiten“ und hob hervor, dass das australische BIP bis 2030 um bis zu 7,8 Milliarden australische Dollar steigen könnte. Die Agrarindustrie profitiert besonders: Rindfleisch-Exportquoten werden verzehnfacht, ebenso wie die für Schaffleisch, Milchprodukte und Wein. Trotzdem zeigen sich einige Branchenvertreter enttäuscht über nicht erfüllte Maximalforderungen.
Ein Streit um geografische Herkunftsbezeichnungen wurde beigelegt: „Parmesan“ bleibt frei nutzbar, während für „Feta“ Übergangsfristen und für „Prosecco“ Sonderregelungen gelten. Albanese rechtfertigte dies mit der Einwanderungsgeschichte Australiens.
Die Personenfreizügigkeit blieb hinter Erwartungen zurück: Das geplante visumfreie Mobilitätsprogramm kam nicht ins Abkommen. Dennoch gibt es Regelungen für Fachkräfte, Forschende und Kreativschaffende sowie eine gegenseitige Anerkennung von Berufsqualifikationen.
Das Zustandekommen des Abkommens verdankt sich den beteiligten Führungspersönlichkeiten. Von der Leyen und Albanese hatten entschieden, dem Prozess neuen Schwung zu geben: „Wir konnten das fast abgeschlossene Abkommen nicht scheitern lassen.“ Politische Kontinuität in beiden Ländern trug zum Erfolg bei.
Das Handelsabkommen wird durch eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft ergänzt, die Zusammenarbeit im Bereich Marineübungen, Rüstungsbeschaffung, Cybersicherheit und Terrorismusbekämpfung umfasst. Außerdem erwägt Australien eine Beteiligung am EU-Forschungsprogramm Horizon Europe ab 2027.