Die Linkspartei erlebte im vergangenen Jahr einen Mitgliederzuwachs von 100 Prozent, wobei viele Neumitglieder aus israelfeindlichen Kreisen stammen und dadurch den Druck auf die Parteiführung erhöhen. Jan van Aken zieht sich aus gesundheitlichen Gründen als Co-Vorsitzender der deutschen Linkspartei zurück und tritt beim anstehenden Parteitag in Potsdam nicht mehr an. Gleichzeitig kündigte Luigi Pantisano, stellvertretender Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag, seine Kandidatur an und gilt als Favorit der Parteiführung.
Unter van Aken sowie Ines Schwerdtner erreichte die Linke nach einer Spaltung und dem Ausscheiden von Sahra Wagenknecht eine bemerkenswerte Stabilisierung: 8,8 Prozent bei der Bundestagswahl 2025, mehr als 60.000 neue Mitglieder und ein neues Selbstbewusstsein als Oppositionspartei. Pantisano positioniert sich als Kandidat für Kontinuität und betont die Rolle der Linken als organisierende Klassenpartei.
Die Partei steht vor der Herausforderung, sich inhaltlich zu stabilisieren, gerade da ihr größtes Konfliktpotenzial im Umgang mit dem Nahostkonflikt liegt. Ein geplanter Antrag des Parteivorstands, der Israelkritik übt und den Antisemitismus abgrenzt, steht im Zentrum dieser Debatte. Kritik erntet auch ein Beschluss des niedersächsischen Landesverbands mit dem Titel: «Die Linke Niedersachsen lehnt den heute real existierenden Zionismus ab», der Israel als Apartheidstaat bezeichnet.
Offiziell hält die Partei am Existenzrecht Israels fest, was durch wiederkehrende Erklärungen des Parteivorstands unterstrichen wird. Doch innerparteiliche Beschlüsse und Handlungen widersprechen dieser Linie regelmäßig. Ein Beispiel ist der Protest von Anhängern des Aktivisten Ramsis Kilani gegen seinen Parteiausschluss.
Die Spannungen verschärften sich nach einem Konflikt auf dem Berliner Landesparteitag im Oktober 2024, als führende Linke den Saal wegen eines Antisemitismus-Antrags verließen. Im August und November 2025 kam es zu weiteren Kontroversen: Ein Solidaritätsfest in Neukölln zog Kritik auf sich, und die Parteispitze distanzierte sich von einem Beschluss der Linksjugend.
Mit van Akens Rückzug verliert die Linke einen Vorsitzenden, der versuchte, innerparteiliche Konflikte zu entschärfen. Pantisano steht für eine jüngere, radikalere Fraktion innerhalb der Partei und könnte deren Einfluss stärken. Die Parteiführung sieht Potenzial in urbaner Jugend und der palästinensischen Diaspora.
Die Linkspartei steht vor einer paradoxen Lage: Ihr Erfolg zieht jene Gruppen an, die ihre Regierungsfähigkeit untergraben könnten. Auf dem kommenden Parteitag könnte sich zeigen, wie weit diese Verschiebung reicht und ob es auch für Schwerdtner knapp wird, da parteiinterne Konkurrenten eine komplette Neubesetzung der Spitze fordern.