Saint-Denis wird oft mit Drogenhandel, Armut und Islamismus assoziiert. Doch nun steht die Stadt unter der Leitung von Bürgermeister Bally Bagayoko von La France insoumise, einer linken Partei. Ein Besuch offenbart das Spannungsfeld zwischen altem und neuem Frankreich.
Im historischen Zentrum, nahe der Basilika von Saint-Denis mit ihrer königlichen Nekropole, stehen Touristen ehrfürchtig vor den Grabstätten alter französischer Könige. Diese Gegend symbolisiert das alte Frankreich. Im Kontrast dazu regiert Bagayoko im Rathaus die Stadt neu.
Bagayoko, ein 52-jähriger Mann malischer Herkunft, gewann die Bürgermeisterwahl mit Unterstützung von La France insoumise und setzte sich bereits im ersten Wahlgang durch. Er plant, Saint-Denis als politisches Labor zu gestalten und möchte das linke Profil der Stadt weiter schärfen.
Seine Anhänger sehen in ihm einen Hoffnungsträger. Bagayoko, ehemaliger Mitarbeiter des Pariser Verkehrsbetriebs und Basketballtrainer für Jugendliche in seinem Viertel, wird von manchen als französischer Obama bezeichnet. Während seiner Kampagne attackierte er den vormaligen sozialistischen Bürgermeister scharf.
Kritiker behaupten, Bagayoko habe im Wahlkampf mit harten Bandagen gekämpft und sogar Drogenhändler auf seine Seite gezogen. Hakima Dehbi, eine Anhängerin des neuen Bürgermeisters, sieht dagegen die Stadt stolz in ihrer Postleitzahl 93, die für Armut steht.
Bagayoko verspricht einen respektvolleren Umgang mit Bürgern und betont seine Fähigkeit, Probleme zu verstehen. Die LFI-Politik zielt darauf ab, muslimische Wähler durch Kampagnen gegen Diskriminierung anzusprechen. Bagayokos Ansichten zur Laizität sind kontrovers; er befürwortet mehr Religionsfreiheit bei öffentlichen Veranstaltungen.
Im Zuge des Wandels in Saint-Denis werden religiöse Symbole sichtbarer, was einige Einwohner beunruhigt. Sonia Gomar, eine pensionierte Bibliothekarin, kritisiert die Verschiebung politischer Prioritäten hin zu Identitätspolitik und sieht darin ein Risiko für soziale Solidarität.
Bagayokos Wahlsieg wurde von Mélenchon gefeiert, der eine antirassistische Botschaft vermittelte. Bagayoko selbst fordert neue Ansätze in Sicherheits- und Sozialpolitik: mehr Schlichter als Polizei und stärkere Eingriffe im Wohnungsmarkt.
Bagayokos Aussagen während eines Fernsehinterviews lösten eine hitzige Debatte über Rassismus aus. Trotz Kontroversen versammelten sich Tausende Anhänger auf dem Platz vor der Basilika, um ihre Unterstützung zu zeigen. Mélenchon verteidigte ihn gegen Vorwürfe des Rassismus.
Saint-Denis steht als Beispiel für den Versuch, eine neue politische Identität jenseits der alten französischen Eliten zu schaffen.