Dreieinhalb Monate nach ihrem schweren Sturz im Dezember in St. Moritz hat sich Michelle Gisin, das vielseitige Multitalent des Skizirkus, zu einem ausführlichen Interview bereit erklärt. Die Olympiasiegerin von 2018 und 2022 erlitt schwere Verletzungen an der Halswirbelsäule, am Knie und in der Hand. Gegenüber SRF berichtet sie nun: ‘Alles ist gut verheilt, obwohl die Summe der Verletzungen eine große Herausforderung darstellte.’ Sie erinnert sich noch genau an den Moment des Unfalls, als ihr sofort bewusst wurde, dass das Kreuzband gerissen war. Ein Blackout folgte bis sie im Netz landete. ‘Mit 120 km/h ging es sehr schnell’, ergänzt sie und reflektiert über die Frage, wie ein solches Unglück geschehen konnte, obwohl sie als äußerst vorsichtige Sportlerin gilt.
Erst in der Klinik wurde die Schwere ihrer Halswirbelsäulenverletzung deutlich. ‘Ein instabiler Wirbelbruch’, so Gisin, ‘aber die Ärzte sagten: ‚Das kriegen wir hin.‘’ Glücklicherweise konnte eine Querschnittslähmung verhindert werden. Dieser Gedanke weckt bei ihr Dankbarkeit und Mitgefühl für Betroffene mit weniger glimpflichem Ausgang.
Auf die Frage, ob sie das Skirennfahren hinterfrage, antwortet Gisin: ‘Ja und nein.’ Ihre Leidenschaft sei immer riesig gewesen. Sie betonte stets ihre Bereitschaft, aufzuhören, falls ihr Gefühl nicht mehr stimme. Offen spricht sie von ihrer Angst, die manchmal ihren Respekt überwiegt, ein Thema, das auch in ihrem Umfeld präsent ist.
Ihr Verlobter Luca De Aliprandini fuhr zwei Tage nach dem Unfall im Riesenslalom von Val-d’Isère. Gisin erkannte durch seine emotionalen Reaktionen die Schwere ihrer Lage erst wirklich anhand der Außenperspektive. Auch in ihrer Familie gibt es Verletzungen: Ihre Schwester Dominique hat neun Knieoperationen hinter sich, Bruder Marc ist zweimal schwer gestürzt.
Ein schlechtes Gewissen plagt Gisin gegenüber ihren Eltern, die immer auf sie als die Sicherste gesetzt hatten. In der Reha zeigt sie trotz gelegentlicher Frustration einen starken Willen. Ob sie in der nächsten Saison antritt, hängt davon ab, wie sie sich im einfachen Gelände schlägt: ‘Erst dann werde ich wissen, ob ich nochmal will.’
Das Gespräch führte Urs Gredig in seiner Talkshow bei SRF 1. Ihr geplantes Hochzeitsdatum bleibt für den Frühling bestehen, und sie wird weiterhin als Michelle Gisin starten.