Nach dem Sturz von Baschar al-Assad im Dezember 2024 hatte die Schweiz vorübergehend keine Asylgesuche aus Syrien mehr bearbeitet, da die Situation zu unsicher war. Jetzt hat das Staatssekretariat für Migration (SEM) jedoch festgestellt, dass sich die Lage verbessert habe. Ab dem kommenden Monat werden erneut individuelle Prüfungen von Asylanträgen syrischer Bürgerinnen und Bürger durchgeführt, und ein freiwilliges Rückkehrhilfsprogramm wird eingeführt.
Nahost-Expertin Bente Scheller vom Referat für den Nahen Osten und Nordafrika der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin, die den deutschen Grünen nahesteht, äußert sich zur aktuellen Situation in Syrien. Auf die Frage von SRF News, ob es vertretbar sei, Asylsuchende nach Syrien zurückzuschicken, antwortet sie: “Die Lage hat sich zwar verbessert, doch Unsicherheiten bleiben bestehen. Weiterhin gibt es erschreckend hohe Zahlen an getöteten Zivilisten durch Kriminalität, Racheakte und Auseinandersetzungen zwischen Regierungstruppen und anderen Gruppierungen wie Kurden oder Drusen. Eine allgemeine Sicherheit herrscht nicht.”
Die internationalen Medien haben die Lage in Syrien weitgehend aus dem Fokus verloren, da sie von den Konflikten zwischen Iran, Israel und Libanon überlagert wird. Diese Spannungen führen dazu, dass Syrien indirekt betroffen ist, wie zuletzt durch die Flucht von 200’000 Menschen in das Land während der Auseinandersetzungen zwischen Israel und dem Libanon.
Scheller benennt mehrere interne und externe Konfliktparteien: Die schwierige wirtschaftliche Situation führt dazu, dass über die Hälfte der syrischen Bevölkerung auf humanitäre Hilfe angewiesen ist. Diese Unterstützung erreicht jedoch nicht alle. Ein Wiederaufbau findet kaum statt. Viele Menschen haben in Regionen wie rund um Damaskus oder in den Stadtzentren von Homs und Aleppo ihre Wohnungen verloren, ohne dass eine Rückkehr zum normalen Leben möglich wäre. Auch die fehlende Aufarbeitung von Unrecht durch Gerichtsverfahren trägt zur andauernden Gewalt bei.
Scheller sieht jedoch das Potenzial darin, dass Rückkehrende einen wichtigen Beitrag zum Wiederaufbau leisten könnten und betont deren Bedeutung für die zukünftigen Beziehungen zwischen der Schweiz oder Deutschland und Syrien. Allerdings seien Anreize notwendig, um eine nachhaltige Existenz im Land zu ermöglichen. Eine Bildungsinitiative sei entscheidend, um den Menschen einen sinnvollen Beitrag zur Entwicklung des Landes zu erleichtern.
Das Gespräch führte Brigitte Kramer.