Muss die FDP um ihre Existenz bangen? Nach jüngsten Umfragen verlor sie 145.000 Anhänger zugunsten der CDU und weitere 65.000 an die AfD, während 10.000 zu den Grünen wechselten. Die Partei erlebt einen massiven Abfluss ihrer Wählerschaft in alle politischen Richtungen – ein Phänomen, das an den ehemaligen Besucherandrang einer Eckkneipe erinnert, die nun leerer ist als je zuvor. Diese Entwicklung könnte man als eine Art Nahtod-Erfahrung für Liberalismus betrachten: Der Glaube an Freiheit und Selbstbestimmung verliert an Bedeutung.
Allerdings sollte man vor der Endgültigkeit eines solchen Urteils innehalten. Die wahre Botschaft hinter dem Stimmenfluss ist nicht, dass Freiheit überholt sei. Sie zeigt vielmehr die Herausforderungen auf, die mit Freiheit einhergehen: Verantwortungsbewusstsein, Entscheidungsfindung, Risikobereitschaft und selbstständiges Denken. Diese Aspekte finden in einem Land, das doppelt prüft und dreifach stempelt, wenig Anklang. Der durchschnittliche Wähler bevorzugt es eher, dass ihm Dinge abgenommen werden.
Wer darauf setzt, dass alles geregelt wird, läuft Gefahr, in einen überregulierten Staat zu geraten – ein Zustand, der den Wunsch nach Freiheit und Selbstbestimmung wieder aufleben lässt. Für die FDP wäre eine Renaissance jedoch ohne charismatische Persönlichkeiten schwierig. Es bedarf eines politischen Unternehmers, der für Freiheit steht, dessen Stimme bisher im Unsichtbaren verhallt.
In Wahrheit werden Parteien nicht nur aufgrund ihrer Programme gewählt; es sind die Menschen, die diese Konzepte verkörpern und vorantreiben. Die FDP hat aktuell einen solchen Anführer nicht in ihren Reihen.