Die Skalierung von wasserstoffbasierten Treibstoffen leidet unter unzureichender Abstimmung zwischen verschiedenen Industriezweigen. Eine breite, koordinierte Nachfrage und Investitionen über Branchengrenzen hinweg sind erforderlich, um die notwendige Größenordnung für dekarbonisierte Sektoren wie die Schifffahrt zu erreichen.
Die Diskussion darüber, ob Netto-Null bis 2050 realistisch ist, wird sich in den kommenden Jahren fortsetzen, während Emissionen und globale Temperaturen weiter steigen. Doch der Fokus auf grünen Wasserstoff hat sich von anfänglichem Enthusiasmus hin zu einer pragmatischeren Betrachtung verschoben: Um Netto-Null-Ziele zu erreichen, sind solche Treibstoffe insbesondere für die Schifffahrt und andere schwer dekarbonisierbare Branchen unerlässlich.
Doch Wasserstoff bleibt eine Herausforderung. Die Nachfrage wartet auf das Angebot und umgekehrt – ein zirkuläres Problem. Die Schifffahrtsbranche zeigt dies deutlich: Es wurden Investitionen in Dual-Fuel-Schiffe getätigt, die sowohl fossile Brennstoffe als auch synthetisches Ammoniak oder Methanol nutzen können. Diese Technologie hat jedoch das verfügbare Treibstoffangebot überholt.
Die Produktion von auf grünem Wasserstoff basierenden Treibstoffen erfordert umfangreiche Infrastruktur: erneuerbare Energiequellen, Elektrolyseanlagen, Synthesekapazitäten, Speicherlösungen und Verkehrsanbindungen. Darüber hinaus sind die Kosten immens hoch.
Um diese Herausforderung zu bewältigen, ist es entscheidend, den Fokus auf koordinierte Nachfrage über mehrere Industrien hinweg zu legen. Mehrere Reedereien und Fluggesellschaften haben bereits versucht, eigene Versorgungsstrukturen für Wasserstoff und E-Fuels aufzubauen, ohne Erfolg. Keine Branche oder kein Unternehmen allein kann die benötigten Mengen grünen Wassers abwickeln; vielmehr ist ein koordiniertes Vorgehen erforderlich.
Gemeinsame Abnahmeverträge können ausreichende Volumina schaffen, um Projekte zu realisieren und langfristige Planungen über verschiedene Sektoren hinweg zu ermöglichen. Risikoteilung macht frühe Initiativen versicherbar, gemeinsam genutzte Infrastruktur verhindert doppelte Investitionen und fördert die Zusammenarbeit.
Die Zukunft dieser intersektoralen Kooperation hängt auch davon ab, ob fossile Brennstoffe weiterhin als wirtschaftlich sicherer angesehen werden. Große Ölkonzerne stellen zunehmend diese Annahme infrage: Analysten von Wood Mackenzie prognostizieren einen Rückgang der Öl- und Gasproduktion um fast 40 Prozent bis 2040 ohne Milliardeninvestitionen in neue Projekte.
Obwohl die Schweiz kein großer Exporteur synthetischer Treibstoffe wird, verfügt sie über eine einzigartige Kompetenz: globale Industrieunternehmen aus schwer dekarbonisierbaren Branchen, erstklassige Ingenieurleistungen und stabile finanzielle sowie regulatorische Rahmenbedingungen. Die Schweiz könnte daher bei der Entwicklung solcher intersektoraler Systeme eine Schlüsselrolle spielen.
Die Möglichkeit, Netto-Null bis 2050 zu erreichen, hängt von den Entscheidungen ab, die wir im aktuellen Jahrzehnt treffen. Diese werden von zukünftigen Generationen bewertet werden – unabhängig vom Ausgang der Debatte. Wichtig ist jetzt, dass Schweizer Industrie und Institutionen ihre Stärken nutzen, um Lösungen zu entwickeln und voranzutreiben.
Daniel Bischofberger ist CEO von Accelleron, einem führenden Anbieter von Turboladern, Brennstoff-Injektionssystemen und digitalen Technologien für Großmotoren in der Energie- und Schifffahrtsindustrie.