Soha Kanj lebt im schiitischen Stadtviertel Shiah von Beirut, das direkt an das christliche Ain-al-Remmaneh grenzt. Die Schiitin engagiert sich seit Jahren gemeinsam mit ihren christlichen Nachbarinnen für den Frieden im Libanon. Am Mittwoch griff die israelische Armee innerhalb von zehn Minuten 100 Ziele in der libanesischen Hauptstadt an, wie das Gesundheitsministerium meldet. Dabei kamen mindestens 182 Menschen ums Leben. Die Angriffe nach der verkündeten Waffenruhe zwischen den USA und Israel mit dem Iran trafen nicht nur schiitische Viertel, die als Hochburgen der Hisbollah gelten. Bomben fielen auch in anderen Stadtteilen. Die Intensität dieser Offensive löst weltweit Entsetzen aus. Am Morgen nach den israelischen Luftangriffen sendet Soha Kanj eine Sprachnachricht: «Gottseidank, uns geht es gut», sagt sie, «wobei eigentlich niemandem wirklich gut ist.» Sie hatte rechtzeitig Beirut verlassen. «Nur 200 Meter von meinem Haus entfernt wurden wir bombardiert. Gott hat uns gerettet. Hoffentlich endet dieser Krieg nun.» Kanj beschreibt die grosse Unsicherheit, die den Libanon erfasst habe: «Wir wissen nicht, wohin wir steuern. Betet für uns und lasst unsere Stimme gehört werden. Was mit dem Libanon geschieht, ist unerträglich.» Sie sendet Fotos der Zerstörung in der Nähe ihrer Wohnung, wo eine Freundin namens Mariam lebt. Ein Gebäude stürzte ein, im Erdgeschoss befand sich eine Apotheke, die verbilligte Medikamente an intern Vertriebene verkaufte. «Es ist ein Verbrechen», sagt die betroffene Mutter. «Viele wurden getötet, darunter auch Ärzte und unschuldige Menschen.» Hunderttausende im Libanon sind durch den jüngsten Krieg intern vertrieben worden. Eine Million Menschen, hauptsächlich Schiiten, mussten ihre Häuser im Süden des Landes sowie in südlichen Beirut-Vierteln räumen. Auch Brücken wurden zerstört, eine schnelle Rückkehr ist nicht absehbar. Flüchtende finden oft Unterschlupf in anderen Konfessionen, erhalten jedoch selten Mietverträge oder Hotelzimmer aus Angst vor möglichen israelischen Vergeltungsangriffen. Israel fordert sogar dazu auf, dass Christen und Drusen im Südlibanon bleiben dürfen, sofern sie schiitische Flüchtlinge vertreiben. Über 100’000 Menschen sind in Notunterkünften untergekommen; viele campieren nun in ihren Fahrzeugen oder an Stränden. Die überwiegende Mehrheit der Vertriebenen ist schiitisch, was sie zusätzlich stigmatisiert – ohne Perspektive auf Rückkehr. Israel begründet seine Angriffe mit dem Vormarsch von Hisbollah-Kämpfern aus den südlichen Vierteln Beiruts. Jean, ein christlicher Unternehmer in Jdeide, einem nördlichen Vorort, äußert sich enttäuscht: «Die Menschheit bewegt sich rückwärts», sagt er und beschreibt den Libanon als Opfer zweier mörderischer Mächte. «Wir fühlen uns wie Geiseln in einem Krieg, den wir nicht wollten.» Rana Eid, eine 50-jährige Sound-Designerin aus Beirut, ist emotional aufgewühlt: Die Zerstörung ihrer Stadt schockiert sie zutiefst. Sie kritisiert die Doppelmoral des Westens scharf. «Was passiert ist, ist inakzeptabel», sagt Eid. «Die internationale Gemeinschaft muss handeln. Man spricht immer über Hisbollah und Hamas, doch es gibt auch einen kriminellen Staat namens Israel.»