Unter dem Namen «Navigatoren der Kindheit» kehren die sowjetischen Pionierführer zurück. Diese Erzieher sitzen in jeder staatlichen Schule Russlands und sollen Schüler zu ergebenen Dienern des Staates umformen.
Tatjana Nikiforowa aus Soljanka am Nebenarm des Flusses Lena wirkt sympathisch, wenn sie in Auftritten erscheint. Ihre Kunstlehrertätigkeit wird von der Schule und dem Moskauer Kinderzentrum Rosdetzentr gelobt, welches dem Bildungsministerium unterstellt ist.
Sie folgt den Handbüchern des Zentrums: Wie man Patriotismus vermittelt, die Mutterrolle junger Frauen stärkt und junge Männer zu Helden erzieht. Jeden Montag hisst sie mit ihren Schülern die russische Flagge, führt sie durchs Schulgebäude und schreibt «Briefe an die Front». Sie feiert Russlands Größe und erklärt den Sinn des Militärdienstes. Die Pflichten eines Bürgers beschreibt sie so: «Ergebenheit vor dem Staat und seinen Idealen».
Tatjana Nikiforowa ist eine von über 33.000 Erziehungsberatern im Land, bekannt als die Beste in Jakutien. Sie erhielt ihre Auszeichnung in Moskau und trug die typische Uniform mit weißer Bluse und orangener Borte – ein Echo der sowjetischen Pioniere.
Putins Regime hat den «Sowjetnik» wiedergeboren, eine Rolle aus der Sowjetzeit. Sie verbindet jugendlichen Enthusiasmus mit ideologischer Kontrolle. Jede staatliche Schule in Russland hat mittlerweile einen «Sowjetnik», wie Bildungsminister Sergei Krawzow erklärte: Sie sollen für ein glückliches Leben sorgen, welches als Folgen statt Hinterfragen definiert wird.
Auf der besetzten ukrainischen Halbinsel Krim bilden sie die «Sowjetniki» aus. Sie engagieren sich kumpelhaft in Schulen, organisieren Aktivitäten und fördern Mitgliedschaften in Organisationen wie der Jugendarmee «Junarmija». In Tatjanas Schule sind alle Kinder bereits Pioniere, was ihre Auszeichnung als beste Beraterin begründet.
Nach dem Ukraine-Konflikt 2022 verstärkte sich die Indoktrination. Schulen führten das Fach «Gespräche über Wichtiges» ein, das die Bereitschaft, fürs Vaterland zu sterben, als wichtigstes Thema behandelt. Schon in Kindergärten besingen Kinder den Präsidenten und lernen die Ukraine als Teil Russlands kennen.
Ein Standardwerk rechtfertigt den Krieg in der Ukraine und preist Putin als Helden, während der Westen für das Übel verantwortlich gemacht wird. Geschichte ist nun ein Hauptfach bei Maturaprüfungen.
2024 führte «Familienkunde» herkömmliche Geschlechterrollen ein; höhere Klassen lernen Waffenkunde und Verteidigungsstrategien. Veteranen besuchen Schulen, um ihr «Heldentum» zu preisen – Teil von Putins «neuer Elite». Tatjana Nikiforowa organisiert solche «Aufklärungsstunden», während sie an Fotos ihrer Schule blickt.