Die Schweizer Bundesbahnen (SBB) und andere Bahngesellschaften fordern, dass die Instandsetzung des bestehenden Netzes gegenüber dem weiteren Ausbau Priorität haben muss. Im Januar stellte Bundesrat Albert Rösti Eckwerte für den Ausbau von Schiene und Strasse vor, wobei das nächste Bahnprojekt ein Budget von 20 Milliarden Franken erfordert. Der Verband öffentlicher Verkehr (VöV) präsentierte am Freitag in Bern seine Forderungen durch ein Positionspapier: Erneuerung und Unterhalt der bestehenden Infrastruktur müssen an die erste Stelle gesetzt werden, betonte VöV-Direktor Ueli Stückelberger bei einem Mediengespräch.
Um Pünktlichkeit und Netzqualität zu gewährleisten, sind deutlich höhere Investitionen im Vergleich zur laufenden Periode erforderlich. Veraltete Bahnanlagen bleiben oft länger in Betrieb als geplant, während viele Strecken stark beansprucht werden. Der größte Nachholbedarf besteht bei der SBB und der Rhätischen Bahn. Bei den Bundesbahnen ist der Rückstand im Substanzerhalt in den letzten zehn Jahren stetig auf 9,5 Milliarden Franken angewachsen, wie aus dem aktuellen Bericht hervorgeht.
Ohne geeignete Gegenmaßnahmen steigt die kurzfristige und teurere Instandhaltung. Die Anlagen der SBB sind im Durchschnitt 45 Jahre alt, obwohl sie nur für eine Lebensdauer von 40 Jahren ausgelegt sind, erläuterte Linus Looser, Leiter der Infrastrukturabteilung. Für die Digitalisierung stehen zudem zu wenige Mittel zur Verfügung, wenn Priorität auf den Substanzerhalt gelegt wird.
Das Positionspapier hebt die Risiken einer Unterfinanzierung hervor: Die Pünktlichkeit könnte sinken und Ausfälle veralteter Stellwerk- sowie Bahnfunktechnik wahrscheinlicher werden. Looser betonte, dass der Zustand der Anlagen noch als „ausreichend bis gut“ einzustufen sei, man lebe jedoch von der Substanz. Es sei unmöglich vorherzusagen, wann das System kippe; selbst die Deutsche Bahn (DB) könne dies rückblickend nicht bestimmen. Daniel Schafer, Chef der BLS und Vorsitzender der Infrastrukturkommission des VöV, fügte hinzu: Probleme ließen sich vorübergehend kaschieren, doch irgendwann sei ein Punkt erreicht, an dem nichts mehr funktioniere.
Die SBB könnten Unterhalt und Erneuerung erhöhen. Looser erklärte, der Rückstand könnte bis etwa 2040 stabilisiert werden, vorausgesetzt es gebe mehr Mittel über die Leistungsvereinbarung mit dem Bund. Der Bund finanziert Ausbau und Unterhalt über den Bahninfrastrukturfonds (BIF). Die Branche unterstützt daher den Vorschlag von Rösti zur Fortsetzung des bis 2030 befristeten Mehrwertsteuerpromilles für den BIF, wofür eine Volksabstimmung notwendig ist.
Mehr Geld für den Unterhalt bedeutet weniger Mittel für neue Großprojekte. Die Branche spricht sich generell dafür aus, dass das künftige Fahrplanangebot im Vordergrund stehen solle: Der Nutzen müsse bei der Auswahl von Projekten stärker berücksichtigt werden. Looser betonte, die Schweiz benötige Ausbauten an Engpassstellen.
Schafer kritisierte zudem Fehlanreize beim BIF. Für Kantone sei es oft einfacher, S-Bahnen zu planen und vom Bund finanzieren zu lassen, selbst wenn Verlängerungen von Tramlinien bessere Lösungen wären. Daher solle sich der Bund stärker an Projekten des Agglomerationsverkehrs beteiligen, die Kantone heute überwiegend selbst mitfinanzieren müssen. Schafer schlug vor, Tramlinien und metroähnliche Systeme besser zu fördern.
Die Bahnen selbst wollen ihren Beitrag zur Kosteneinsparung leisten. In Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Verkehr arbeiten sie an einer pragmatischeren Anwendung von Normen. Schafer nannte den Umbau eines Simmentaler Bahnhofs, der behindertengerecht werden soll durch die Anpassung des bestehenden Bahnübergangs statt dem Bau einer neuen teuren Unterführung.