Im Alter von 84 Jahren ist Umberto Bossi, der Gründer der sezessionistischen Lega Nord und Erfinder der «Padania», verstorben. Als radikaler Agitator erkannte er früh die Bedeutung von Identität und Zugehörigkeit in der Politik. Diese Strategie machte ihn zum Vorreiter des italienischen Populismus, welcher später durch Persönlichkeiten wie Silvio Berlusconi, Beppe Grillo, Giorgia Meloni und Matteo Salvini geprägt wurde.
Nach einem Schlaganfall im Jahr 2004 zog sich Bossi weitgehend aus der Öffentlichkeit zurück. In seiner aktiven Zeit mobilisierte er jedoch mit heiserer Stimme die Massen des Nordens gegen das «räuberische Rom». Sein Einfluss auf den politischen Stil Italiens ist nach wie vor spürbar.
Bossis ungewöhnlicher Lebensweg führte ihn vom Sänger und Kommunisten zum Wortführer einer Autonomiebewegung, die ursprünglich belächelt wurde. In den 1980ern und frühen 1990ern erkannte Bossi das Versagen der etablierten Parteien und verlieh dem Unmut über Steuerlasten, Bürokratie und Zentralismus eine Stimme. Er wandelte regionale Ressentiments in eine anhaltende politische Kraft um.
Bossis Herkunft aus der lombardischen Provinz gab ihm Legitimität als unkonventioneller Außenseiter, der sich gegen die Eliten richtete und durch Tabubrüche Authentizität bewies. Seine Forderung nach einer Abspaltung des Nordens traf den Nerv jener, die sich vom Süden benachteiligt fühlten. Die Lega nutzte dabei das Schimpfwort «terroni» zur Diskriminierung von Süditalienern und propagierte eine konstruierte politische Identität der «Padania», symbolisiert durch Rituale wie die jährlichen Treffen in Pontida.
Obwohl lange unterschätzt, gelangte Bossis Lega Nord 1992 ins Parlament. Er ging wechselnde Bündnisse mit Berlusconi ein und bewahrte dabei seine Unabhängigkeit. Trotz seiner Rolle blieben wesentliche politische Ziele wie die Schaffung der «Padania» unerreicht.
Unter Matteo Salvini wandelte sich die Lega zu einer nationalpopulistischen Rechtspartei, die sich von ihrer Autonomiebewegung entfernte. Als Juniorpartner in der Koalitionsregierung von Giorgia Meloni hat Salvini Fratelli d’Italia weit rechts überholt.
Mit Bossis Tod geht ein bedeutender Unruhestifter aus Italiens Politik, dessen frühe Erkennung des Zerfalls etablierter Strukturen eine Bewegung schuf, die das Land nachhaltig veränderte. Viele Elemente der heutigen populistischen Normalität in Europa – wie die Verachtung von Institutionen und die personalisierte Führung – waren bereits bei Bossi erkennbar.