Die letzte Teuerungswelle wurde von den Notenbanken stark unterschätzt und kostete sie viel Vertrauen. Eine erneute Fehleinschätzung wäre verheerend.
Es bleibt unklar, ob die aktuelle Situation ein Zufall ist oder bereits eine Methode darstellt. Bekannt ist jedoch: Als Donald Trump das Weiße Haus betrat, versprach er, die Lebenshaltungskosten zu senken. Stattdessen hat sich seit seiner Amtsübernahme alles anders entwickelt.
Trump führte hohe Zölle gegen US-Handelspartner ein und entfachte einen Krieg in einer rohstoffreichen Region ohne klare Strategie zum Abzug. Beide Maßnahmen haben die Lebenshaltungskosten erhöht, was genau das Gegenteil von Trumps Versprechen ist.
Die Zentralbanken reagieren auf die jüngste geopolitische Krise wie üblich: Sie warten ab. Die Fed der USA, die Europäische Zentralbank (EZB) und die Schweizerische Nationalbank (SNB) haben ihre Leitzinsen zuletzt unverändert gelassen. Die Unsicherheit über den Nahostkonflikt ist zu groß für eine schnelle Änderung der Zinssätze. Jerome Powell, der Fed-Chef, sagte: «Die wirtschaftlichen Auswirkungen könnten größer oder kleiner sein; wir wissen es einfach nicht.»
Selten hat ein Notenbanker so ehrlich seine Unzulänglichkeit zugegeben. Obwohl sie mit komplexen Prognosemodellen arbeiten und auf viele kluge Ökonomen zurückgreifen, bleibt vieles ungewiss. Solange keine Klarheit besteht, bleiben die Zentralbanken inaktiv.
Die Angst vor Inflation kehrt mit den steigenden Erdölpreisen zurück. Historisch gesehen passen Notenbanken bei Erdölschocks oft nichts an und setzen auf temporäre Effekte. Doch diesmal darf sich dieser Ansatz nicht wiederholen, denn die Blockade der Straße von Hormuz – eine entscheidende Energieroute – birgt erhebliche Risiken.
Die Theorie des «look through» funktioniert nur unter zwei Bedingungen: Ein kurzfristiger Schock und hohe Glaubwürdigkeit der Geldpolitik. Beide Annahmen erscheinen heute fragil, da niemand weiß, wie lange sich der Konflikt hinzieht oder ob die Energieversorgung bald stabilisiert wird.
Vor allem in den USA und im Euro-Raum haben Notenbanken Vertrauen verloren. Sie unterschätzten 2021 und 2022 die Inflation, wodurch sie erst spät reagierten, als die Teuerungsrate bereits auf acht Prozent gestiegen war.
Eine Umfrage der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) zeigt anhaltendes Misstrauen. Die Haushalte erinnern sich lebhaft an den Inflationsschub und sind skeptisch bezüglich zukünftiger Notenbankmaßnahmen.
Notenbanker müssen die Inflationserwartungen stabilisieren, um Zweitrundeneffekte zu verhindern. Zwar können sie nicht direkt auf geopolitische Ereignisse Einfluss nehmen, doch sie müssen glaubhaft darlegen, dass sie aus Fehlern lernen und entschlossen gegen Inflation vorgehen.
In den USA ist die Rückkehr zur Preisstabilität essentiell, auch um Zweifel an der Unabhängigkeit des Fed zu beseitigen. Im Euro-Raum gilt es, die Notwendigkeit einer monetären Straffung klarzustellen, trotz Druck auf niedrige Zinsen.
Die Zentralbanken stehen vor der Herausforderung, Stagflation ähnlich wie in den 1970er Jahren zu vermeiden. Die Entscheidung, ob Priorität Inflation oder Wachstum haben soll, ist entscheidend: Ein erneutes Vertrauensverlust durch eine zweite Teuerungswelle wäre weit schädlicher als eine vorübergehende Rezession.